
Jan Robert Bloch
Das Ende des Computer - Steinzeitalters
In Palo Salto haben aus Anlass des Zusammenbruchs der meisten „Data
Retrieval Systems" die daraufhin entlassenen Informatiker über ein neues
Programm nachgedacht, das hiermit vorgestellt
werden soll, wenngleich sich
das Projekt erst im Versuchsstadium befindet.
Es handelt sich um ein Informationsmedium, das die herkömmliche
elektronische Daten‑ und Textverarbeitung ersetzen soll. Das ungewöhnliche
Gerät heißt BOOK (als Abkürzung für "Brain Oriented
Opportune Knowledge“, was sich, holprig aber zutreffend, als
"gehirnorientiertes entgegenkommendes Wissen" übersetzen ließe).
Dem Gerät werden Vorzüge zugeschrieben, von denen einige hier aufgeführt
werden sollen. Auf den ersten Blick ist zu erkennen: beim neuen System werden
keine Kabel benötigt, es muss nichts mehr gelötet und gesteckt werden, man
muss es nicht einmal einschalten. Es hat weder Drähte noch Schaltkreise, die
zusammenbrechen, keine Tasten, die klemmen und braucht keine Farbbänder. Das
Gerät arbeitet auch ohne Steckdose und ist frei von mechanischen Teilen, die
kaputt gehen und ersetzt werden müssen.
Wie funktioniert also diese revolutionäre Erfindung? Zunächst besteht es im wesentlichen aus einer größeren Anzahl von Blättern aus Papier. Wenn das System BOOK einen ausgedehnten Informationsgehalt umfasst, können es mehrere hundert sein Jedes Blatt trägt eine Nummer an einer Stelle, die den leichten optischen Zugriff ermöglicht, so daß alle Blätter in einer Folge geordnet sind und der sachgerechte Verlauf der Verwendung prinzipiell gesteuert ist. Jedes Blatt trägt auf jeder sogenannten "Seite" eine Zeichenabfolge, beginnend links oben und endend rechts unten, die in der Ori.ginalversion "letters" genannt wird. Benutzeroberfläche (an diesem Begriff wird beispielhaft kenntlich, zu welchen sprachlichen Verrenkungen die überaltete Computerpraxis führt) und Zeichenabfolge fallen somit zusammen. Um es noch benutzerfreundlicher (auch dieses Wort wird eines Tages durch BOOK verschwinden, da das Selbstverständliche nicht eigens bezeichnet werden muß) zu gestalten, werden die Blätter im originellen Gerät durch eine geniale Vorrichtung zusammengehalten ‑ man sagt (und dieser terminus technicus hat sich bei den ersten deutschen Prototypen eingebürgert), es ist “gebunden".
Jedes
einzelne Blatt präsentiert dem Benutzer (genannt "Leser") eine
Informationsfolge in Form von
symbolhaltigen Zeichen (eben die "letters"), die visuell absorbiert
und der automatischen Verarbeitung im Gehirn zugeführt. werden. Dieser Prozeß
wird gegenwärtig untersucht und man erhofft sich davon die Etablierung weitere
Forschungsgebiete.
Wenn ein Blatt auf diese Weise verarbeitet wird, genügt die leichte
Bewegung eines Fingers, um die Information auf dem nächsten Blatt zugänglich
zu machen. Diesen Vorgang nennt man "blättern" (man merkt die
einfache und zwingende Logik bei der Gestaltung der Begriffe "simplex
sigillum veri, das Einfache ist das Zeichen des Wahren" wie bereits
Einstein erkannte). Es hat sich als praktisch erwiesen, dazu Mittelfinger und
Daumen zu benutzen, was aber die Verwendung anderer Finger nicht ausschließt.
Der Gebrauch beider Seiten eines Blatts führt zu höchster Ökonomie,
indem sowohl die Größe und Gewicht wie auch die Herstellungskosten des auch
in dieser Hinsicht revolutionären Apparats erheblich reduziert werden. Ein
Vergleich mit Gewicht, Größe und Preis noch üblicher Computer wird auch
den hartnäckigsten Zweifler überzeugen.
Die Benutzung von BOOK ist durch einfaches Öffnen jederzeit möglich:
um es in Betrieb zu setzen oder um von einer Seite zur nächsten zu kommen,
brauchen keine Knöpfe gedreht oder Tasten gedrückt zu werden. Ohne Vorwärmzeit,
Programmladen oder Systemcheck ist es in Sekundenbruchteilen betriebsbereit.
Hervorzuheben ist ferner, daß zwei Seiten (mit gestochen klarer und ruhiger
Schrift) auf einen Blick erfaßt werden können, ohne auch nur einen Finger
krumm zu machen. Bei der überkommenen elektronischen Textverarbeitung wird
hingegen nur etwa ein Drittel einer Seite auf einmal sichtbar. Zudem ist
dieses Sehen, wenn es überhaupt den Namen verdient, von Flackern, gebeugten Rücken
und Augenflimmern begleitet.
Vor allem aber: Die Benutzung von BOOK ist auch liegend und in der Rückenlage
möglich, was vom vergangenen System nicht behauptet werden kann; überdies kann
man es auf Dienstreisen und in den Urlaub unschwer mitnehmen.
Ebenso
entfällt das sogenannte "Menu", das die unnötige und ungekonnte
Kompliziertheit der alten Maschinerie wettzumachen hat, indem der Benutzer auf
ziemlich einfallslosem Umweg überhaupt erst in die Lage versetzt werden muß,
mit der unzeitgemäßen Maschinerie und ihrer Unvollkommenheit umzugehen. Der
seit der Erfindung von BOOK überholte Computer funktioniert ja nur unwillig: es
kann erst durch sogenannte "Befehle" zur Räson und Kooperation
gebracht werden und bestraft das kleinste Versehen mit stumpfsinniger
Verweigerung. Bis das System überhaupt erst begriffen hat, was man will,
vergeht kostbare Zeit.
BOOK hingegen kommt dem Wissensdurstigen ohne Umschweife entgegen. Der
Benutzer kann ganz nach Wunsch problemlos rückwärts oder vorwärts zu jedem
beliebigen Blatt gehen. Am Anfang findet sich ein Blatt als Hilfe für die
Informationsfolgen. Man nennt es, einfach und elegant,
"Inhaltsverzeichnis".
BOOK (in der Mehrzahl BOOKs) läßt sich sehr einfach in Regalen
speichern. Der Zugriff ist problemlos, denn die Programmbezeichnungen sind üblicherweise
auf der Rückseite der Geräte angebracht. Insgesamt bietet BOOK enorme Vorteile
ohne Einschränkungen, gleichsam ein intellektueller Genuß ohne Reue. Wir sagen
ihm eine große Zukunft voraus.
Der Verfasser dieses Berichts hatte Gelegenheit, in Palo Salto das Gerät
gründlich kennenzulernen. Das Erlebnis, ein BOOK in der Hand zu halten und zu
bedienen, ist buchstäblich unbeschreiblich. Es bewahrheitet sich die
Erkenntnis, daß zwar Wissen, nicht jedoch Erfahrung teilbar ist. Künftige
Arbeit ist kaum ohne BOOK zu denken. Einige Exemplare des Originalsystems liegen
in meinem Zimmer aus. Ein adaptierter Prototyp wurde für den deutschen Markt
bestellt.
Dieser sollte ursprünglich BAND (Brillante Anordnung nichtnumerischer Daten)
heißen, indessen hat man sich für BUCH entschieden (Mehrzahl BÜCHER). Der glücklich
gewählte Name spricht für sich selbst. Es ist zu vermuten, daß die deutsche
Version des Geräts in wenigen Wochen eintreffen wird.
Einführungskurse erübrigen sich, da die hohe Komplexität des Systems, so paradox es auch klingen mag, eine
denkbar einfache Handhabung bewirkt. Dieser Errungenschaft ging
jahrzehntelange Forschung auf dem Gebiet der sogenannten "Künstlichen
Intelligenz" voraus: mögliche Bedienungsfehler und technische Klippen
wurden in BOOK von den Konstrukteuren im Vorweg bedacht ‑ die Logistik zu
deren Aufhebung ist bereits eingebaut. Von diesem Vorteil wird auch BUCH
profitieren: wie von unsichtbarer Hand geführt werden wir, befreit vom Diktat
einer störrischen Maschinerie, eine zugleich einfache und reichhaltige Welt
erfahren.